Hansestadt Kampen Sehenswürdigkeiten

Hansestadt Kampen: Sehenswürdigkeiten im Rotterdam des Mittelalters

Bereits von Weitem ist die imposante Erscheinung der Skyline Kampens über die glitzernde IJssel hin sichtbar. So wie es sich für eine waschechte Hansestadt gehört. Darf ich vorstellen? Die niederländische Hansestadt Kampen. Das Rotterdam (Handelsmetropole) des Mittelalters. Die Stadt, die seinerzeits viel größer und mächtiger war als Amsterdam. Und von der heute nur wenige wissen. Komm mit, ich zeige Dir die schönsten und kuriosesten Kampen Sehenswürdigkeiten!

Kampen im Mittelalter und zur Hansezeit 

Kampen wurde gegründet an der viel befahrenen Handelsroute zwischen Zuiderzee und Rhein. Kein Wunder also, dass es sich bereits Mitte des 13. Jahrhunderts von einer einfachen Niederlassung zur wohlfahrenden Handelsstadt mit einer großen Flotte Koggen (den modernen Handelsschiffen dieser Zeit mit großem Ladevermögen) entwickelt hatte. Mit den Koggen transportierten die Kamper Holz, Hering, Bier, Wein, Getreide, Bienenwachs, Tücher, Pelze und Salz nach über Dänemark in die Ostseestädte. Zudem wurde in Kampen die Ware von den Koggen auf kleinere Boote umgeladen und damit bis in die Rheinstädte gebracht. 

Zwischen 1330 und 1450 baute die Stadt ihren Einfluss und Reichtum weiter aus und wuchs zu einer der mächtigsten Städte in Nordwesteuropa heran. Interessanterweise trat Kampen erst 1441 formell der Hanse bei, vorher hatte die Stadt in Eigenregie Handelsbeziehungen mit anderen Städten geschlossen. 1495 verlieh Kaiser Maximilian Kampen den ehrenvollen Titel “Kaiserlich freie Reichsstadt”. Die Versandung der IJssel und die wachsende Konkurrenz der NIchthansestädte ab der Mitte des 15. Jahrhunderts brachte das Ende dieser Blütezeit.

Zeugen des Reichtums Kampens sind noch heute überall im mittelalterlichen Zentrum Kampens zu finden. Dank seiner über 500 denkmalgeschützten Gebäude und 3 erhaltenen Stadttore zählt dieses zu einem der am besten erhaltenen Stadtkerne der Niederlande

Die Hansestadt Kampen vom Wasser aus
Die Hansestadt Kampen vom Wasser aus

Kampen als Industriestadt im 19. und 20. Jahrhundert

Seine zweite Blütezeit erlebte Kampen im 19. und 20. Jahrhundert. Auslöser davon war das günstige Steuerklima der Stadt, das den großen, aus Bremen stammenden Zigarrenfabrikanten Lehmkuhl in die Stadt zog. Um 1880 arbeitete beinahe die Hälfte der Einwohner Kampens in der Tabakindustrie und es wurden 1,5 Millionen Zigarren pro Woche hergestellt. Von den zwischenzeitlich 110 Zigarrenfabriken Kampens ist heute noch eine übrig – “De Olifant”. 

Neben den Zigarrenfabriken wuchs die Firma Berk, welche Pfannen- und Küchenutensilien herstellte nach einem Großauftrag für das Militär innerhalb eines halben Jahrhunderts von 7 auf 700 Angestellte heran. Nach diversen Fusionierungen und Übernahmen nahm die Firma 2009 endgültig Abschied von Kampen.  

Der dritte Industriezweig Kampens waren alkoholische Getränke. Die 1920 gegründete Firma Siebrand hatte bis 1965 ihren Sitz in Kampen und ist heute einer der größten Weinfabrikanten der Niederlande. 

Hansestadt Kampen De Olifant

Kamper Uien

Dass sich vor Kampen ein Stör mit Glocke um den Hals im Wasser tummelt und an manchen Tagen eine Kuh vom Nieuwe Toren baumelt, hat einen Grund: Die “Kamper Uien”. Eine “Kamper Ui” ist eine Spottgeschichte, in der sich über die Dummheit der Einwohner Kampens und deren lächerlich gemacht wird.

So geht die Geschichte mit der Kuh beispielsweise auf die Idee, der Kamper zurück, die grasüberzogene Plattform des Nieuwe Toren von einer Kuh mähen zu lassen. Die Kuh wurde mit einem Seil um den Hals auf den Turm gezogen. Dass sie das nicht überlebt hat, braucht man wohl nicht zu sagen.

Hansestadt Kampen Sehenswürdigkeiten Nieuwe Toren Kuh
Siehst Du die Kuh vom Nieuwe Toren baumeln?

Ähnlich kurios ist die Geschichte mit dem Stör, der für den Besuch des Bischofs von Utrecht gefangen wurde. Da der Bischof krankheitsbedingt kurzfristig absagte, wurde der Stör – bevor er wieder in die IJssel freigelassen wurde – mit einer Glocke versehen, sodass er beim tatsächlichen Besuch wiedergefunden werden konnte. Die Kamper suchen noch heute.

Hansestadt Kampen Uien
Der Stör mit der Glocke “schwimmt” auf der anderen Seite der IJssel neben der IJsselbrücke

Die Kamper Koggen

Die Kogge, das “Küstenschiff des Mittelalters”, war das erste seetüchtige Schiff des Mittelalters und machte die Handelsbeziehungen zwischen den Hansestädten möglich. Dass Kampen, als ehemals mächtigste Hansestadt der Niederlande eine besonderen Bezug zu den Koggen hat, versteht sich daher von selbst. 

Wenig verwunderlich also, dass die Stiftung Kamper Kogge im Rahmen eines Sozialprojekts zwischen 1994 und 1998 den exakten Nachbau einer Kogge veranlasste. Vorbild der “Schwarzen Dame”, wie die Kamper Kogge getauft wurde ist eine Kogge aus 1340, welche 1983 im trockengelegten Flevopolder (frühere Zuiderzee) freigelegt wurde. Diese Kogge, welche ihren Heimathafen in der Kamper Koggewerf hat, ist einmalig in den Niederlanden und gefragter Gast auf (inter-)nationalen Events, gemeinsam mit ihren 5 deutschen Schwestern. Auch Tagesfahrten sind möglich.

Hansestadt Kampen Sehenswürdigkeiten Kamper Kogge
Die Kamper Kogge – DIE Kampen Sehenswürdigkeit schlechthin

Im Juli 2011 machte Kampen internationale Schlagzeilen, als bei Vorbereitungen zu Baggerarbeiten in der IJssel das Wrack einer unglaublich gut konservierten 20 m langen Kogge aus dem 15. Jahrhundert gefunden wurde. 2016 wurde das Wrack geborgen und wird heute in Lelystad konserviert. Im Museum der Stiftung Kamper Kogge sind Fotos der Bergung dieser Kogge und ein Modell zu besichtigen.

Hansestadt Kampen - Kamper Kogge
Die spektakuläre Bergung der vor Kampen gefundenen Kogge
Kamper Kogge
Derzeit wird ein Modell der vor Kampen gefundenen Kogge in der Koggewerft angefertigt.

Die Kampen App

Die Hansestadt Kampen hat eine eigene App. Und was für eine. “Kampen Stadsgids” (Android/ iOS), so der Name der App im App-Store führt in verschiedenen, thematischen Routen entlang aller schöner Ecken, welche die Stadt zu bieten hat. Das Tolle: Derzeit sind insgesamt 6 Touren auf deutsch verfügbar, 5 zu Fuß und eine zu Rad. Jede Tour ist anderer Art, aber was sie alle gemein haben ist, dass sie sehr ansprechend und teilweise auch interaktiv gestaltet sind. Zudem entdeckt man durch sie Orte, die einem ansonsten verborgen blieben. Hier ein Überblick der verschiedenen Routen: 

  • Nautische Hansewanderung: Stromabwärts (nördlich der Brücke) 
  • Nautische Hansewanderung: Stromaufwärts (südlich der Brücke)
  • Highlights von Kampen
  • Die Handwerker Route
  • Kunstroute Kampen in Beeld zu Fuß
  • Radtour entlang Kunst

Ich habe die Nautische Hansewanderung und die Highlights von Kampen getestet und kann folgendes Fazit geben:

Hansestadt Kampen Sehenswürdigkeiten App
Die Kampen Sehenswürdigkeiten interaktiv erleben mit der Kampen App
Kampen App: Nautische Hansewanderung

Die Nautische Hansewanderung ist eine sehr interaktive Tour und gute Mischung aus “Schatzsuche” und Quiz. Man bekommt jeweils nur den nächsten Punkt auf der Route gezeigt, den man finden muss. Hat man ihn erreicht, erhält man kurze, prägnante und interessante Hintergründe über den Ort. Anschließend bekommt man jeweils eine Quizfrage zur Hansezeit gestellt und setzt sich so aktiv mit der Hansezeit auseinander. Eine wirklich tolle, interaktive Art, die Stadt und die Hansevergangenheit kennenzulernen. Einziger Nachteil: Man kann keinen Punkt “auslassen”, da man immer nur den nächsten Punkt auf der Karte sieht. 

 

Kampen App: Highlights von Kampen

Eine Route entlang der bekanntesten Sehenswürdigkeiten von Kampen. Bei der Highlights von Kampen-Route sind direkt alle Highlights auf der Karte sichtbar und man kann sich die Route von einem zum anderen selbst gestalten. Dies bietet die Freiheit, Dinge auszulassen und sich selbst seinen Weg durch die Stadt zu bahnen.

Kampen Sehenswürdigkeiten: Das Keizerskwartier
Versteckte Ecken, wie beispielsweise das Keizerkwartier. Eine der Kampen Sehenswürdigkeiten, die wir ohne die Kampen App nicht gefunden hätten
Botermarkt in Kampen
Einer der hübschesten Plätze zum Draußensitzen in Kampen: Der Botermarkt

Süße Häuschen in Kampens Innenstadt

 

Hanse-Highlights in Kampen

  • Die Nautische Hansewanderung der Kampen App (siehe oben) 
  • Kamper Kogge im Buitenhaven mit Museum
  • Drei komplett erhaltene Stadttore: Broederpoort (1465), Koornmarktspoort (15. Jahrhundert) und Cellebroederspoort (1465)
  • Altes Rathaus aus dem Jahr 1350. Hier wurde im Mittelalter (im prunkvollen Schepenzaal) Recht gesprochen. Bis 2001 wurde das Gebäude tatsächlich als Rathaus genutzt. Heute befindet sich hier das Stedelijk Museum Kampen, in dem auch der Hansezeit viel Aufmerksamkeit gewidmet wird.
  • Het gotisch huis (Oudestraat 158)Als Kaufmannswohnung im spätgotischen Stil rund 1500 gebaut.
  • St Nicolaas Kirche: Älteste Kirche Kampens im gotischen Stil aus dem 14. Jahrhundert.
Hansestadt Kampen Stadttor
Der Koornmarktspoort dient auch heute noch als Stadttor.

Hansestadt Kampen - Het gotisch huis

Altes Rathaus in Kampen
Altes Rathaus in Kampen (rechts im Bild)

 

Kamper Kogge im Buitenhaven mit Museum

Der Nachbau einer Kogge – die Kamper Kogge – liegt, wenn sie nicht unterwegs ist, im Buitenhaven. Wenige Schritte entfernt befindet sich die Koggewerft mit eigenem Museum, in der die Stiftungsmitglieder der Kamper Kogge altes Handwerk ausüben. Zudem sind im Museum – neben vielem anderen Sehenswertem aus der Hansezeit – Modelle der beiden Koggen, die in den Niederlanden geborgen wurden sowie Foto’s der Bergung zu besichtigen. Im kleinen Museumsshop kann man sich zudem mit allerlei Hanse- und Kogge-Souvenirs eindecken.

Das Museum ist donnerstags und auf Anfrage geöffnet. 

Koggewerft Kamper Kogge

 

Mein absolutes Hanse-Highlight: Die Fahrt mit der Kamper Kogge

Insgesamt zwei Mal besuchte ich im September den Buitenhaven, den Liegeplatz der Kamper Kogge. Mit ihrer imposanten Erscheinung aus dunkelbraunem Holz, einem Großsegel, Mast und Heckkastell sticht die Kogge zwischen den modernen Freizeitseglern heraus. Dank Hanzetour, dem Veranstalter von mehrtägigen Radtouren entlang der Hansestädte (wie ich sie unternommen habe), erhielt ich bei meinem zweiten Besuch die Möglichkeit, die Kamper Kogge nicht nur von Außen zu betrachten sondern bei einer Fahrt hautnah zu erleben. Wie einst die Händler der Hansezeit. Ein unvergessliches Erlebnis – nicht nur für Hansefans!

Die Kamper Hansetaschen
Die Kamper Hansetaschen

Zu Beginn der Fahrt, sind wir Teil von etwas Besonderem: Der erstmaligen Einführung der Kamper Hansetaschen. Vielseitige Taschen in Kampens Farbe Königsblau, die das Hanseerbe Kampens in den Vordergrund rücken und deren Erlös zu einem Großteil der Stiftung Kamper Kogge zugute kommt. Anschließend beginnt die Fahrt, aus dem Hafen heraus mit dem Motor, wenig später wird dann das Segel gesetzt. Dabei darf anpacken, wer will. Auch am Steuer darf sich jeder einmal versuchen. 

 

Kamper Kogge

Kogge fahren in Kampen

Kogge fahren in Kampen

Die Mitglieder der Stiftung, alles Freiwillige, erzählen mir während der Fahrt voller Enthusiasmus, wie sie für den Bau der Kogge alte Techniken und Materialien wiederentdeckten, wie der Alltag an Bord bei Mehrtagesfahrten zu internationalen Events aussieht und dass die Fahrt zum nahegelegenen Zwolle dank nicht-hebbarer Brücke in Kampen inzwischen ein Akt von mehreren tausend Euro ist (mit Beteiligung von Kränen). Dank der mittelalterlichen Kleidung der Stiftungsmitglieder, der Anekdoten und Geschichten aus der Hansezeit und der Kogge fühle ich mich nach einer Weile wirklich ein klein wenig zurückversetzt in die Hansezeit. Am Schluss erfahre ich noch, dass die Stiftungsmitglieder insgeheim Pläne schmieden, noch eine Kogge zu bauen. So eine, wie sie 2016 vor Kampen geborgen wurde (siehe oben). 

Die Fahrt mit der Kamper Kogge kostet 12,50 € p.P. für circa 1,5 h. Mehr Information und Buchung einer Koggefahrt per E-Mail unter reservering@kamperkogge.nl.

Kamper Kogge

 

Weitere Kampen Sehenswürdigkeiten

  • De Olifant – Von den ursprünglich 110 Zigarrenfabriken in Kampen ist diese noch übrig. Hier werden noch heute Zigarren auf traditionelle Weise hergestellt. Tägliche Führungen nach vorheriger Buchung. Der Tabakladen ist heute durch einen Tee- & Kaffeeladen ergänzt.
  • Kleinstes Haus von Kampen (Burgwal 98) – Das 1,40 m breite und 4,50 m lange Häuschen aus 1840 beherbergte einst eine Familie mit 3 Kindern. Heute ist es mit Antiquitäten aus dem frühen 20. Jahrhundert eingerichtet und ein Museum.  
  • Nieuwe Toren besteigen –  Der Nieuwe Toren ist ein freistehender Glockenturm aus 1663 und wird jeden Montag von 11:00 – 12:00 Uhr und jeden Samstag von 15:00 – 16:00 Uhr bespielt. Auf Anfrage bei info@kamperevents.nl kann der 65 m hohe Turm auch bestiegen werden.
  • Keizerskwartier – Seit der Hansezeit lebten hier Stadtbauern und einfache Handwerker. Hat sich von einem der verfallendsten Viertel in den 1970er Jahren zu einer der hübschesten, blumenreichen Ecken entwickelt. Mit etwas verstecktem, öffentlichen Durchgang. 
  • Ikonenmuseum im Gemäuer eines alten Klosters mit über 170 Ikonen aus dem 15. bis 19. Jahrhundert.
  • Bibliothek in der Stadskazerne – im Café Paatje im ersten Stock der Bibliothek hat man einen tollen Blick über die IJssel und gratis Internet. Derzeit gibt es coronabedingt leider nur Kaffee aus dem Automaten. 
  • Lalaloes (Broederstraat 11): Mein Café-Tipp für Kampen. In der zuckersüßen “Quicherie” mit nur 4 Tischen gibt es nicht nur leckere Quiches, sondern alles, was das Herz eines Frankreichfans höher schlagen lässt. Denk an Macarons, Brioches, Croissants, Waffeln und allerlei herzhafte Köstlichkeiten… Mjammi!
Hansestadt Kampen - Olifant
Die einzige noch bestehende Tabakfabrik Kampens – De Olifant – verkauft heute neben Tabakwaren auch Tee und Kaffee.
Kampen Sehenswürdigkeiten - Het Kleinste Huis
Das kleinste Haus von Innen. Unten rechts: Von Außen.
Hansestadt Kampen
Der Nieuwe Toren ist eine der markanten Kampen Sehenswürdigkeiten und Schauplatz einer Spottgeschichte
Das Keizerkwartier
Das Keizerkwartier
Lalaloes Kampen
Süßes französisches Café im Zentrum Kampens: Lalaloes

Na, wie haben Dir meine Kampen Sehenswürdigkeiten gefallen? Reizt Dich die Hansestadt oder eine Fahrt mit der Kogge? 

Vielen Dank an die Hansestädte und Hanzetour für die Einladung zu dieser Recherchereisen. Meine Meinung und meine Begeisterung bleiben meine eigene.

Weiterlesen:

 

Folge uns Kerstin:
Kerstin hat schon früh gemerkt, dass es sich lohnt, über den "Tellerrand" hinaus zu blicken und ihr Herz inzwischen an viele Orte verloren. Auf paradise-found.de erzählt sie von ihren Reiseerlebnissen, (versteckten) Lieblingsorten und gibt ausführliche Tipps zum Nachreisen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.