Transsibirische Eisenbahn: Mythos vs. Realität

Transsibirische Eisenbahn: Mythos vs. Realität

eingetragen in: Allgemein, Asien, Mongolei, Russland | 6

Die Transsibirische Eisenbahn ist eine Legende. Auf einer Strecke von 9288 km von Moskau nach Wladiwostok oder 7800 km von Moskau über die Mongolei bis Peking durchquert sie bis zu 7 Zeitzonen und bildet die Verbindung zweier Kontinente. Ohne Aussteigen ist man eine Woche unterwegs. Die Temperaturen auf der Strecke schwanken zwischen -40°C im eiskalten sibirischen Winter und bis zu 35°C im Hochsommer. Die Fertigstellung der Strecke dauerte 25 Jahre, von der Grundsteinlegung durch Zar Nikolaus II. in Wladiwostock bis zur Fertigstellung des letzten Abschnittes, der Baikaluferbahn im Jahre 1916. Fakten, die beeindrucken.

Im Juli und August letzten Jahres habe ich die Transsibirische Eisenbahn bestiegen und bin in 5 Wochen von Moskau nach Peking gereist. Vor meiner Reise las ich viel von dieser legendären, längsten Eisenbahnstrecke der Welt und stieß auf einige Mythen. Doch entsprachen diese Mythen auch immer der Realität?

 

Transsibirische Eisenbahn Mythos #1: Eines der letzten großen Reiseabenteuer

Ein Wort, welches fast immer im gleichen Atemzug wie die Transsibirischen Eisenbahn fällt ist Abenteuer. Selbst als eines der letzten Reiseabenteuer wird die legendäre Zugreise öfters beschrieben. Doch ist die Fahrt tatsächlich so abenteuerlich?

Bei der Suche über Google wird einem folgende Definition ausgespuckt: „Abenteuer: Ein Unternehmen, das aufregend und oft auch gefährlich ist.“ Nun ja, seien wir mal ehrlich: Wie aufregend ist eine mehrtägige Zugfahrt? Ich würde behaupten, eher entspannend als spannend, wobei dies natürlich immer auch an der Reisegesellschaft liegt. Und gefährlich? Glücklicherweise kann ich von mir sagen, dass ich keine annähernd gefährliche Situation erlebt habe während meiner 5 Wochen, von denen ich 3 alleine unterwegs war. Bevor Du jetzt aber völlig enttäuscht bist: Meine Reise war definitiv abenteuerlich. Doch waren meine Abenteuer eher die Erlebnisse außerhalb des Zuges, angefangen bei der Organisation von Weiterfahrten, Gepäckabgaben, etc. ohne jegliche Sprachkenntnisse bis hin zu Übernachtungen bei und Ausflügen mit Einheimischen.

Transsibirische Eisenbahn Mythos vs. Realität

Transsibirische Eisenbahn Mythos #2: Grandiose Landschaften

Oft wird geschwärmt von den grandiosen Landschaften, die die Transsibirische Eisenbahn durchquert.

Zugegeben, hier war ich etwas enttäuscht. Auf der Strecke von Moskau nach Irkutsk, welche stolze 5185 km beträgt sieht die Landschaft vor allem eines aus: komplett gleich. Grüne Steppe, blühende Wiesen und Birkenwäldchen. Ab und zu ein Dörfchen. Sehr hübsch, ja. Aber doch immer gleich. Man überlege: Eine Strecke mit denselben Ausmaßen in Europa würde vom Nordkap, dem nördlichsten Punkt Norwegens bis nach Athen in Griechenland reichen. Bei einer derartigen Fahrt würde man eine enorme Vielfalt an Landschaften zu sehen bekommen. Und in Russland? Ist alles gleich. Dies war zumindest mein Eindruck bis zum Baikalsee. Ab dort änderte sich das Ganze. Die Zugstrecke entlang der alten Baikaltrasse kann ich jedem nur ans Herz legen, sie ist eine der schönsten Zugstrecken die ich jemals gefahren bin. Auch die weitere Zugstrecke Richtung Mongolei ist sehr schön, die Natur beginnt sich Stück für Stück zu wandeln. Fazit: Vom Streckenabschnitt Moskau – Irkutsk nicht zu viel erwarten.

Transsibirische Eisenbahn Mythos vs. Realität
Ein Blick aus dem (etwas dreckigen) Zugfenster

Transsibirische Eisenbahn Mythos #3: Entschleunigung

Einfach mal abschalten, sich vom gleichmäßigen Wiegen des Zuges einlullen lassen, endlich mal wieder ein gutes Buch lesen oder Nichts tun.

Oh ja, Entschleunigung steht bei einer Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn ganz oben auf dem Programm. Strom: Fehlanzeige, Telefonnetz: Seltenheit, Internet: Fehlanzeige. Die Dinge, die wir im Alltag als so unabkömmlich betrachten sind hier einfach nicht vorhanden. Dadurch wird Entspannung beinahe erzwungen. Zugegeben, den ersten Tag musste ich mich etwas daran gewöhnen. Doch ab dem zweiten Tag fand ich es einfach nur herrlich.

Ein Blick aus dem Zugfenster
Highlight: Die Fahrt auf der alten Baikaltrasse

Transsibirische Eisenbahn Mythos #4: Eisenbahn-Romantik

Romantisch soll sie sein, die Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn, DEM Nonplusultra für alle Eisenbahnfans. Auf der Strecke der Strecken stetig Richtung Osten (oder wahlweise auch Westen) zuckelnd, verloren in Raum und Zeit. Die Realität?

Erst einmal ist allein das Gefühl tatsächlich die Transsibirische Eisenbahn zu befahren natürlich echt toll. Ein Highlight für jeden Eisenbahn- und Zugreiseliebhaber. Wieviel Romantik nun tatsächlich aufkommt, hängt auch von der Unterbringungsart ab. Man hat die Wahl zwischen 3 verschiedenen Unterbringungsarten: Die 3. und günstigste Klasse ist ein Großraumwagen, auch Holzklasse genannt mit insgesamt 54 Betten, die 2. Klasse verfügt über 4 Betten in einem Abteil und in der 1. Klasse ist man zu zweit in einem Abteil untergebracht. In allen Klassen werden die Abteile vollkommen willkürlich, d.h. auch unabhängig vom Geschlecht belegt. In einem Abteil mit 3 schnarchenden Russen bleibt die Romantik und auch die Privatsphäre notdürftig auf der Strecke. Fazit: Romantik liegt im Auge des Betrachters, doch Platz für Zweisamkeit bleibt nur in der 1. Klasse.

Highlight: Die Fahrt auf der alten Baikaltrasse

Transsibirische Eisenbahn Mythos #5: Fremde Kulturen entdecken

Fremde Kulturen entdecken, einen Einblick in das Leben der Menschen vor Ort zu werfen, das ist das Ziel vieler Transsib-Reisender. Doch ist dies auch möglich?

Da die Einteilung der Abteile komplett willkürlich erfolgt und kein Unterschied zwischen Touristen und Einheimischen gemacht wird ist die Wahrscheinlichkeit, einen Wagen der Klasse 2 oder 3 mit Einheimischen teilen zu dürfen sehr hoch. Dies bedeutet, dass man sich unweigerlich sehr nahe kommt und leicht Kontakt legen kann. Dabei wird jedes Wort in der Landessprache bejubelt, denn Englisch wird hier kaum verstanden und gesprochen. So herzlich die Begegnungen im Zug teilweise waren, um wirklich etwas vom lokalen (Alltags-)Leben mitzubekommen empfehle ich einen Aufenthalt bei einer Gastfamilie. Die Begegnungen mit den Familien, welche mich mit offenen Armen empfingen und alles versuchten, mir einen tollen Aufenthalt zu bescheren, auch wenn sie selbst beinahe nichts hatten waren unbeschreiblich.

Highlight: Die Fahrt auf der alten Baikaltrasse
Zu Gast bei einer Familie im Atai Gebirge

Transsibirische Eisenbahn Mythos #6: Eine Reise zurück in der Zeit

Manch einer träumt von einer Reise wie in einem alten Heimatfilm mit Picknick auf den kleinen Zugtischchen, dem gemeinsamen Trällern von Liedern und einem Kartenspiel zum Zeitvertreib.

Ich muss sagen, ein wenig nostalgisch war mir beim Befahren dieser historischen Strecke schon zumute. Besonders der Abschnitt auf der alten Baikaltrasse mit einer rythmisch schnaufenden Dampflock war wie in einem alten Schwarz-weiß Streifen. Gestoppt wurde in malerischen Dörfchen und einsamen Buchten und das Mittagessen, bei dem wir wie auf einer Klassenfahrt dicht an dicht auf Bänken sitzend von einer russischen Babuschka verplegt wurden war unvergesslich. Auch das Fehlen von Strom, Telefonnetz und Internet trägt zu diesem Feeling bei.

Zu Gast bei einer Familie im Atai Gebirge
Die wahnsinnigen Ausmaße der Strecke. Hier von Moskau nach Nowosibirsk (3280 km, 2 Tage Fahrt)

Transsibirische Eisenbahn Mythos #7: Komfort

Gleichmäßig schaukelt der Zug vor sich hin, gemütlich lehnt man sich auf seinem bequemen Sitz zurück und lässt die Landschaft an sich vorbeiziehen. Doch wieviel Komfort ist tatsächlich gegeben in der Transsibirischen Eisenbahn?

Die Ausstattung im Zug ist relativ spartanisch. So wird jedem Reisenden ein „Bett“ (eine relativ bequeme Liege), Bettwäsche und Kissen sowie Decke zugeteilt. Stauraum findet sich entweder unter dem unteren Bett oder in einer Einbuchtung über den oberen Betten. Zudem ist in jeder Art von Abteil ein Tischchen vorhanden. Mit dem kostenlosen heißen Wasser aus dem Samowar, welcher sich auf dem Gang befindet, kann man sich rund um die Uhr Tee, Kaffee, Fertignudeln oder –suppen zubereiten. Toiletten gibt es 2 pro Wagen, eine am Anfang und eine am Ende. Außer einer – meist mäßig sauberen – Toilette verfügen diese lediglich über ein kleines Waschbecken. Eine Dusche ist im gesamten Zug nicht zu finden. Eine Tatsache, die man sich bewusst machen sollte, schließlich dauert die Fahrt von Moskau bis Irkutsk am Baikalsee ganze 4 Tage. Fazit: Alles, was man benötigt ist vorhanden, allerdings mit Einschränkungen. Wer sich darauf einstellt, wird keinerlei Probleme haben.

Transsibirische Eisenbahn Mythos vs. Realität
Ein Blick in einen 2. Klasse Wagen

Bist Du schon mit der Transsibirischen Eisenbahn gefahren? Oder steht es auf Deiner Bucketlist? Deine Kommentare lese ich gerne!

Folge Kerstin:
Kerstin hat schon früh gemerkt, dass es sich lohnt, über den "Tellerrand" hinaus zu blicken und ihr Herz inzwischen an viele Orte verloren. Auf paradise-found.de schreibt sie von ihren Reiseerlebnissen, (versteckten) Lieblingsorten und gibt wertvolle Reisetipps.

6 Responses

  1. Anna
    | Antworten

    Hallo Kerstin!

    Ein schöner Bericht über eine mir gänzlich fremde Art zu reisen (also ich bin natürlich schon mal Zug gefahren, aber hatte bisher nicht die Zeit, eine Reise wie mit der Transsibirischen Eisenbahn zu unternehmen).

    Herzlich,
    Anna

    • Kerstin
      | Antworten

      Hallo Anna!
      Freut mich, dass Dir mein Beitrag gefällt. Ja, die Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn unterscheidet sich auch bei mir von allen anderen Reisen, die ich bisher unternommen habe. Vor allem erlebt man durch das langsame Durchfahren der verschiedenen Zeitzonen alles viel bewusster. Ein echt eindrückliches Erlebnis, dass ich jedem empfehlen kann!
      Liebste Grüße,
      Kerstin

  2. […] Traum von einer Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn hegte ich schon eine geraume Zeit. Im Juli war es endlich Zeit, diesen zu verwirklichen. 5 Wochen […]

  3. […] diesem Artikel habe ich mit den Mythen rund um die Transsibirische Eisenbahn […]

  4. franz
    | Antworten

    hallo! bin 2012 von krasnoyarsk bis ulan ude, von ulan ude bis irkutsk und von irkutsk bis novosibirsk gefahren. und das ende november. schöne verschneite landschaften, man sah die kälte draussen. hatten zu 2 immer ein abteil in der 2.klasse (also 4 er belegung) alleine. ein unvergessliches erlebnis!

    • Kerstin
      | Antworten

      Hallo Franz!
      Vielen Dank für Deinen Kommentar! Das klingt wirklich nach einem einzigartigen Erlebnis. Sibirien im Winter, insbesondere den zugefrorenen Baikalsee, das würde ich auch mal gerne erleben!
      Viele Grüße,
Kerstin

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